Fälschungen und Legenden
Behauptungen, das Fahrrad sei schon in der Antike oder im Mittelalter
erfunden worden, sind nicht überzeugend belegt. Das „Fahrrad“ auf
einem Kirchenfenster in Stoke Poges hat nur auf einer von E.
O. Duncan in seinem Privatdruck verbreiteten Zeichnung zwei
Räder sowie Fahrer in Cromwellscher Tracht. Auf dem Original
ist hingegen ein einrädriger Wegmesser zu sehen.
Die fahrradähnliche Zeichnung im Codex Atlanticus (133v),
die einem Schüler von Leonardo da Vinci zugeschrieben wird,
ist eine Fälschung aus den frühen 70er Jahren des 20.
Jahrhunderts.
Bei dem angeblich vom Comte de Sivrac 1791 erfundenen velocifère
oder célèrifère, einem starren Zweirad,
handelt es sich um eine Falschmeldung, die hundert Jahre später
von Baudry de Saunier in Umlauf gebracht wurde.
Das Fahrrad des russischen Bauern Artamonow, der damit 1801
vom Ural nach Moskau gefahren sein soll, gilt ebenfalls als Fälschung,
weil es zu viele Entwicklungsschritte übersprungen hat.
Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für Fälschungen,
wie ein Fahrrad aus Themar (Thüringen), das auf 1844 datiert
war. Ebenso ein italienisches Fahrrad von 1855. Es steht heute
im Museo Nationale della Scienza e della Tecnica da Vinci.
Sie alle wiesen zu starke Ähnlichkeit mit den Michaux-Velozipeden
auf. Es wäre vorstellbar, dass eines der Fahrräder
durchaus vor dem Kurbelveloziped (von Lallement oder Michaux)
entstanden ist, doch fehlen bislang solide Beweise.
Muskelkraft
Im 17. Jahrhundert scheint es erste von Menschen betriebene Fuhrwerke
gegeben zu haben, die aber nur für Repräsentationszwecke
(Triumphwagen) benutzt wurden. Der querschnittsgelähmte
Uhrmacher Stephan Farfler hat sich zu dieser Zeit ein dreirädriges
Gefährt mit Handkurbelantrieb und Zahnradübersetzung
gebaut.
Im 18. Jahrhundert fanden vierrädrige, durch Muskelkraft
betriebene Wagen in herrschaftlichen Parks Verwendung – sie
wurden über Pedale vom Personal angetrieben.
Jedoch benötigten Muskelkraftwagen wegen der immensen Masse
viel Kraft, so dass eine relativ schnelle Ermüdung die Folge
war.
Heute trifft man bei Fahrrädern ausgeklügelte Technik
an. Im Vergleich zu Autos oder Flugzeugen bedient sich das Fahrrad
nur scheinbar geradezu primitiver Technik. Die physikalische
Theorie ist jedoch so komplex, dass sie wohl nie vollständig
erforscht sein wird, da mechanische Kräfte und Muskelkraft
zusammenwirken.
Diese Sonderstellung verdankt das Gefährt seinem einmalig
hohen Wirkungsgrad. Die erforderliche Bewegungsenergie (Joule
pro Gramm und Kilometer) ist relativ zur Masse bei keiner Fortbewegungsart
so niedrig wie beim Fahrrad. Daher ist das Fahrrad eines der ökologischsten
Verkehrsmittel überhaupt. Die Fahrradschaltung hat einen
Wirkungsgrad von 95 Prozent (einfache Nabenschaltung) bis 99
Prozent (hochwertige Kettenschaltung). Der Gesamtwirkungsgrad
eines Fahrrades beträgt je nach Pflegezustand, Fahrweise
und verwendeter Technik unter 70 bis über 90 Prozent. Der
Mensch wird oft unterbewertet, die technischen Merkmale des Fahrrades
zu hoch. Der Mensch besitzt einen technischen Wirkungsgrad von
etwa 25 Prozent.
Zweiradprinzip
Tatsächlich erfunden hat das einspurige Zweirad Karl Drais,
damals noch Freiherr, 1817 in Mannheim. Der Fahrer saß zwischen
den Rädern und stieß sich mit den Füßen
am Boden ab. Diese hölzerne, von ihm selbst so genannte „Laufmaschine“ hieß nach
ihm in der Presse bald „Draisine“. Häufig wird
unter diesem Begriff auch die 1837 in Wien als Zweirad erfundene
Eisenbahn-Draisine verstanden. Drais selbst erprobte dann 1843
eine vierrädrige Eisenbahn-Draisine mit Fußtrommel-Antrieb.
Anlass für die Zweirad-Erfindung dürfte der „Schneesommer“ infolge
des Tambora-Vulkanausbruches, der 1816/17 zu Hungersnot und Pferdesterben
führte, gewesen sein. Ein Pferdeersatz erschien damals extrem
sinnvoll.
Die Drais’sche Laufmaschine war von vornherein mit dem
Vorderrad lenkbar. Dies ermöglichte, das fahrende Zweirad
auch ohne Kontakt der Füße zum Boden im Gleichgewicht
zu halten. Damit war die grundlegende Erfindung gemacht, durch
Verringerung der Räderzahl den Fahrwiderstand zu vermindern
und durch Ausnutzung der Kreiselkräfte der Räder das
Zweirad im Gleichgewicht zu halten. Allerdings mussten die Erwachsenen
erst das ungewohnte Balancieren lernen.
Schon kurz darauf wurden in England die ersten, teilweise eisernen
Laufmaschinen oder Velozipede gebaut, die sich den Spitznamen
hobby horse (Steckenpferd) erwarben. 1819 gab es in Ipswich erste
Rennen; hierzulande wurde erst 1829 aus München davon berichtet.
Heute erfreut sich das Zweirad ohne Pedalantrieb als Kinderlaufrad
in Deutschland neuer Beliebtheit. Im ersten Jahrzehnt des 21.
Jahrhunderts haben alle größeren Kinderfahrradhersteller
Kinderlaufräder in ihr Programm aufgenommen
Quellenangabe : Wikipedia |